Vogel des Jahres 2020: Neuntöter

Der Neuntöter, Vogel des Jahres 2020 von BirdLife Schweiz, benötigt Dornbüsche in Hecken als Nistplatz und Magerwiesen mit vielen Insekten. Um eine ganze Population Neuntöter zu erhalten, müssen diese Elemente netzartig über die Landschaft verteilt sein. Der Neuntöter ist deshalb ein guter Botschafter für die Ökologische Infrastruktur.
 

Aus dem Leben des Neuntöters

Porträt

Zorro mit Augenbinde
Das Männchen des Neuntöters ist durch seine schwarze Augenbinde, den hellen bis rosafarbenen Bauch und den grauen Oberkopf unverkennbar. Das Weibchen ist mit dem mehrheitlich braun gefärbten Federkleid beim Brüten perfekt getarnt. Neuntöter leben vor allem in Kulturlandschaften mit Niederhecken, extensiv genutzten Weiden oder Obstgärten, Rebbergen und Waldlichtungen mit umgebenden Magerwiesen, Brachen oder sonst einem reichhaltigen Angebot an Pflanzen und somit an Insekten. Er brütet vom Mittelland bis hinauf auf 1950 m ü. M.

Friedlicher als sein Name
Der Neuntöter ernährt sich überwiegend von Heuschrecken, Grillen,  Käfern, Spinnen, Hummeln, Wespen sowie kleinen Wirbeltieren. Von einer Warte aus erspäht er seine Beute und erhascht sie im Flug oder greift sie am Boden. Bei genügend Nahrung spiesst er einen Teil seiner Beute auf Dornen auf. Seinen Namen verdankt der Neuntöter, auch Rotrückenwürger genannt, diesem Verhalten. Man meinte früher, dass er zuerst neun Tiere aufspiesse und sie erst dann verzehre.



Schwarze Augenbinde, rostroter Rücken und rosa bis bräunlich getönter Bauch sind typische Kennzeichen des Neuntötermännchens. Foto: Mathias Schäf
  

Brut
Anfang Mai kommen die Neuntöter aus ihrem Winterquartier im südlichen und östlichen Afrika zurück. Sofort nach der Ankunft besetzt das Männchen ein Revier und lockt durch seinen überraschend melodiösen Gesang ein Weibchen an. Balzflüge wie auch Nahrung als Geschenk ans Weibchen sollen dieses beeindrucken. Beide Partner besichtigen potenzielle Neststandorte, das Weibchen liest den definitiven Standort aus. Neuntöter brüten bevorzugt in Sträuchern mit Dornen. Das Weibchen legt 4 bis 7 Eier in ein weich gepolstertes Nest. Nach etwa 15 Tagen schlüpfen die Jungen und verbleiben danach 12 bis 14 Tage im Nest. In den ersten Tagen hudert das Weibchen die Jungen, danach füttern beide Altvögel. Nach dem Ausfliegen werden die Jungen noch zirka 3 Wochen von den Eltern geführt. In der Regel macht der Neuntöter nur eine Brut.



Flügge junge Neuntöter werden noch circa 3 Wochen von den Eltern geführt. Foto: Ruedi Aeschlimann
  

Weite Reise mit Schleifenzug
Die Altvögel ziehen bereits ab Mitte Juli wieder in den Süden Afrikas, die Jungen folgen später nach. Interessanterweise macht der Neuntöter einen Schleifenzug. Auch die westeuropäischen Neuntöter ziehen über den Balkan und Ägypten nach Südafrika und über die Arabische Halbinsel und die Türkei zurück nach Westeuropa.

Ausgeräumte Landschaften, Insektensterben
Durch die Intensivierung der Landwirtschaft wurden bereits in den 1960er-Jahren Hecken und Buschgruppen im Kulturland ausgeräumt. mit verheerenden Folgen für den Neuntöter. Dies führte zur Heckenkampagne von BirdLife Schweiz ab 1979. In der Folge stieg der Neuntöterbestand wieder an. Jedoch wurden Magerwiesen, Säume und extensiv genutzte Borde oder Feldränder immer stärker gedüngt und Insektenbestände mit Pestiziden gespritzt. Der Insektenreichtum und damit die Nahrung des Neuntöters erlitt massive Rückgänge. In der Folge halbierte sich der Bestandes des Neuntöters in den letzten 30 Jahren in der Schweiz. 2015 erreichte der Bestand  einen geschätzten Tiefststand von 10‘000 brütenden Paaren.



Hecken mit Dornbüschen zum Nisten und angrenzende Magerwiesen mit reichem Insektenangebot sind der Lebensraum des Neuntöters.
  

Botschafter für die Ökologische Infrastruktur
Der Neuntöter braucht wieder ein Netz von Hecken und mageren Standorten mit einer reichen Pflanzenvielfalt und vielen Insekten in der Kulturlandschaft. Systematisch müssen solche Lebensraumnetze als Ökologische Infrastruktur wieder aufgebaut werden. Das Projekt Farnsberg von BirdLife Schweiz zeigt, dass dies in enger Zusammenarbeit mit engagierten Landwirten und dem Kanton möglich ist. Hier konnte der Bestand des Neuntöters durch die Anlage von neuen Hecken, Buschgruppen, Aufwertung von Waldrändern und mit neuen Magerwiesen und offenen Streifen in intensiver genutzten Wiesen wieder verdoppelt werden. Wo es noch blütenreiche Standorte gibt, können Buschgruppen mit Dornensträuchern Niststandorte bieten. Davon profitieren auch sehr viele Insektenarten, Kleintiere und andere Vogelarten wie Dorngrasmücke oder Goldammer.
  



Der Neuntöter braucht eine Ökologische Infrastruktur aus insektenreichen Flächen für die Nahrungssuche (rot) und Hecken oder Buschgruppen mit Dornbüschen (gelb) über die ganze Landschaft verteilt.